Eine junge Mutter lernt in einem Gefängnis in El Salvador von einer anderen Frau, wie sie mit ihrem Baby umsorgen und ihm Geborgenheit geben kann.
© Plan International El Salvador - Eine junge Mutter lernt in einem Gefängnis in El Salvador, wie sie sie die Bedürfnisse ihres Neugeborenen erfüllen kann.
06.05.2021 - von Michèle Jöhr

Hoffnung für Kinder und Mütter hinter Gittern

Es gibt Kinder, die toben unbeschwert auf dem Spielplatz und lassen das Erlebte abends behütet in den Armen ihrer Eltern Revue passieren. Und dann gibt es diese Kinder: Sie haben nie einen Spielplatz gesehen und wissen nicht, wie sich Geborgenheit anfühlt. Denn ihre ersten Lebensjahre verbringen sie hinter Gittern. Damit diese Kinder trotz allem eine Chance auf eine gute Zukunft haben, fördert Plan International Schweiz in El Salvador seit 2017 die frühkindliche Entwicklung von Kindern, die mit ihren Müttern im Gefängnis leben. 

Gewalt gehört in El Salvador zum Alltag. Die Gefängnisse sind überfüllt, viele der Insassinnen sind Mütter von Kleinkindern. Per Gesetz dürfen die Kinder bis zu ihrem fünften Lebensjahr mit ihren Müttern im Gefängnis bleiben. Dort fehlt es an Mitteln und Möglichkeiten. 


Mutter-Kind-Beziehung stärken

In Schulungen lernen Mütter, wie sie ihre Kinder fördern und die Beziehung zu ihnen stärken können

Mit dem Projekt «Hope behind Bars» hat sich Plan International Schweiz zum Ziel gesetzt, diesen Kindern trotz der schwierigen Umstände einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Es vermittelt Müttern in Strafanstalten in El Salvador das nötige Wissen und die nötige Unterstützung, um besser auf die Entwicklungsbedürfnisse ihrer Kinder achten zu können und eine positive und liebevolle Beziehung zu ihnen aufzubauen. Die ersten fünf Lebensjahre sind von grosser Bedeutung für das Leben eines Menschen. In dieser Zeit entwickelt ein Kind seine Persönlichkeit und Fähigkeiten wie Geschicklichkeit.

In den Gefängnissen wurden kinderfreundliche Räume eingerichtet, um die emotionalen, sozialen, sprachlichen und motorischen Fähigkeiten der Kinder zu fördern. Dabei übernehmen die Insassinnen eine aktive Rolle. Viele von ihnen sind nach Schulungen inzwischen selber Leiterinnen dieser kinderfreundlichen Räume und geben das erworbene Wissen auch an andere weiter.
 

Die Regierung übernimmt das Konzept

Von Plan International Schweiz eingerichteter kinderfreundlicher Raum in einem Gefängnis in El Salvador

Ein wichtiges Ziel des Projekts haben wir bereits erreicht: Die Generaldirektion der Strafvollzugsanstalten hat unser Schulungsprogramm zur Förderung der frühkindlichen Erziehung für inhaftierte Frauen angenommen. Es wird im Rahmen des Regierungsprogramms «Yo Cambio» institutionalisiert und umgesetzt werden.

In der nächsten Phase steht die Transition der Kinder, die das Gefängnis im Alter von fünf Jahren verlassen müssen, im Vordergrund. Wir unterstützen sie bei der Anpassung an ihr neues familiäres und gesellschaftliches Umfeld.
 

Das sagen die Projektteilnehmerinnen

Hinweis: CAIPI ist die spanische Abkürzung für "Umfassender Leitfaden für frühkindliche Betreuung und Entwicklung", das im Projekt "Hope Behind Bars" verwendete Modell.

Ein Brief einer Projektteilnehmerin an Plan International

"Sehr geehrte Damen und Herren von Plan International

Ich grüsse Sie herzlich. Ich wende mich an Sie mit viel Respekt, um meine Meinung zum Projekt CAIPI kundzutun:

Am Anfang hatte ich meine Zweifel bezüglich der Integration im Team. Ich dachte, ich würde von den anderen verurteilt werden, weil ich aus einem Gefängnis mit aktiven Bandenmitgliedern kam.

Aber zu meiner Überraschung wurde ich gut aufgenommen und lernte viele wertvolle Dinge über die Erziehung und Behandlung meiner Kinder. Ich habe zum Beispiel gelernt, mich angesichts der Wutanfälle meiner Tochter zu beherrschen, mich in sie hineinzuversetzen und ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es einfach war, aber es hat zweifellos gefruchtet.

Andere wichtige Themen, die ich nicht kannte, sind: pränatale Stimulation, Lernen durch Spiel und Interaktion. Die Bedeutung der ersten tausend Tage und generell alle Arten von Frühförderung, sobald das Baby geboren ist.

Ich habe gelernt, dass man viel durch Dialog und Zuhören gewinnt, dass Einfühlungsvermögen im Umgang mit Kindern unerlässlich ist, um eine gesunde und liebevolle Beziehung zu ihnen zu haben, und dass man am Ende mit Liebe mehr erreicht als mit Schreien, und dass Respekt besser ist als Angst, um Kinder dazu zu bringen, sich so gut wie möglich zu verhalten, je nach ihrem Alter und ihrer geistigen Fähigkeit!

CAIPI hat mir geholfen, ein besserer Mensch und eine bessere Mutter zu werden. Ich danke Ihnen, mir diese Möglichkeit gegeben zu haben und das vermittelte Wissen. Das Zusammenleben im Gefängnissektor ist dadurch besser geworden. Möge Gott Sie segnen.

Mit freundlichen Grüssen

E.C. mit Tochter S.U."*

Brief einer CAIPI-Projetteilnehmerin an Plan International

"Seien Sie herzlich gegrüsst.

Am Anfang dachte ich, dass CAIPI nicht funktionieren wird. Aber die Tage vergingen und CAIPI funktionierte bestens.

Nach einiger Zeit bekam ich die Möglichkeit, Teil des CAIPI Teams zu werden. Es war eine Erfahrung, in der ich gelernt habe, mit Kindern verschiedenen Alters in Beziehung zu treten und zu interagieren, denn mit dem erworbenen Wissen und dem Training, das Plan International uns während des Programms gab, erfuhren wir viel über wichtige Themen wie pränatale Stimulation und die Bedeutung der ersten 1000 Tage kennen. Ich konnte auch die Erkenntnis gewinnen, dass die Phase von 0 bis 5 Jahren für unsere Kinder zentral ist, denn in diesem Alter nehmen sie alles auf, was gut und was schlecht ist. Und durch die Arbeit am CAIPI ist mir die Entwicklung der verschiedenen Altersstufen bewusst geworden.

Auch mit meiner Tochter konnte ich einige Dinge verändern. Wenn sie früher einen Wutanfall hatte, regte ich mich immer sehr auf, aber nachdem ich die Schulungen erhalten hatte, liess ich sie sich beruhigen und fragte sie dann, was los war. Damit sie mich gut verstand, setzte ich mich auf die gleiche Höhe wie sie. Teil von CAIPI zu sein, war eine sehr bedeutsame Erfahrung für mich. Es hat mir geholfen, als Person zu wachsen, eine bessere Mutter zu sein. Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, die Sie mir gegeben haben, und das vermittelte Wissen. Ich danke Ihnen vielmals."

 

*Zum Schutz der Identität der jungen Frauen wird ihr Name nicht veröffentlicht.

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