Ein Junge trägt einen Wasserbehälter nach Hause, den er von einem Lastwagen geholt hat. Foto: Tawoon
07.10.2026 - von Plan International

Gaza: «Die gebrochenen Versprechen eines Waffenstillstands»

Heute jährt sich zum dritten Mal der Tag der Angriffe im Oktober 2023 in Israel sowie der darauf folgenden Eskalation des Krieges, die unzählige Leben in Gaza, im Westjordanland und in Israel zerstört haben und dazu geführt hat, dass Kinder nach wie vor unter einer humanitären Katastrophe leiden.

Fast ein Jahr nach der Verkündung eines Waffenstillstandsabkommens müssen Kinder in ganz Gaza und den besetzten palästinensischen Gebieten weiterhin unermessliches Leid ertragen, da der Waffenstillstand systematisch verletzt wird. Unsere Gedanken sind weiterhin bei den Familien der Getöteten, Verletzten und Geiseln sowie bei all jenen, deren Leben durch die Gewalt der letzten drei Jahre für immer verändert wurde.

1200 Menschen, darunter 40 Kinder, wurden bei den Angriffen in Israel am 7. Oktober 2023 durch palästinensische bewaffnete Gruppen getötet, die 15 000 Menschen verletzten und 252 Menschen als Geiseln nahmen1. Im Gazastreifen wurden seit Oktober 2023 über 73 300 Menschen, darunter 21 000 Kinder, getötet2; 174 652 Menschen wurden verletzt. Im Westjordanland wurden zwischen dem 7. Oktober 2023 und Mitte Juli 2026 mindestens 1 111 Palästinenser:innen, darunter mindestens 243 Kinder, getötet3; etwa jede:r Fünft:e der im Westjordanland Getöteten ist ein Kind4.

Trotz der begrüssenswerten Ankündigung des Waffenstillstandsabkommens vor einem Jahr, das Hoffnungen auf eine Verbesserung der Lebensbedingungen und der humanitären Lage weckte, halten Raketenangriffe, Unsicherheit, Bewegungsbeschränkungen, Vertreibungen und erhebliche Einschränkungen des humanitären Zugangs weiterhin an – was das menschliche Leid verlängert. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden im vergangenen Jahr in Gaza rund 1381 Menschen getötet und 4757 verletzt5. UNICEF berichtete im August, dass in den 300 Tagen nach der Verkündung des Waffenstillstandsabkommens im Oktober 2025 mindestens 300 Kinder in Gaza getötet worden seien, was einem Durchschnitt von einem Kind pro Tag entspricht6.  

Wiederholte Verstösse gegen den Waffenstillstand, der Zusammenbruch lebenswichtiger Versorgungsdienste und die strengen Einschränkungen beim Transport von Hilfsgütern und beim Zugang humanitärer Helfer:innen haben dazu geführt, dass die meisten Menschen in Gaza ums Überleben kämpfen müssen, wobei die Kinder den höchsten Preis zahlen. «Seit dem Waffenstillstand leiden wir unter willkürlichen Schüssen auf unsere Zelte – man kann die Einschusslöcher darin sehen. Wir hören ständig von Opfern. Mein Nachbar ist einer von ihnen; er liegt jetzt im Koma . Es gibt keinen einzigen Ort, an dem man sicher spazieren gehen kann», sagt Houssam7, der mit seiner sechsköpfigen Familie, darunter seine Schwiegereltern, im Norden von Gaza in einem Zelt lebt. «Der Waffenstillstand wurde in den Medien und offiziell verkündet, aber im Alltag wird er nicht eingehalten. Wir schlafen und bereiten uns auf den Tod vor, denn die meisten Menschen, die starben, wurden im Schlaf oder beim Spazierengehen auf der Strasse durch Schüsse getötet. Zelte können uns vor Schüssen nicht schützen. Ich fühle mich wie ein Fremder in meinem eigenen Land», berichtet Houssam. 

Die humanitäre Lage im gesamten Gazastreifen ist nach wie vor katastrophal. Die meisten Menschen im Gazastreifen sind weiterhin auf der Flucht und können nicht an den Ort zurückkehren, an dem einst ihre Häuser standen. Sie sind auf weniger als die Hälfte der Fläche des Gazastreifens beschränkt, wobei laut Einschätzungen der UNO mehr als acht von zehn Gebäuden beschädigt oder zerstört sind8. «Die gebrochenen Versprechen eines Waffenstillstands und das Versäumnis, lebensrettende Hilfe zu leisten, kosten eine ganze Generation von Kindern ihre Kindheit und ihre Zukunft. Für die Kinder in Gaza ist die Krise noch lange nicht vorbei», sagte Dr. Unni Krishnan, globaler Direktor für humanitäre Hilfe von Plan International.

«Der Krieg muss aufhören, um den Kindern eine Chance zu geben. Palästinensische Kinder in Gaza haben Schrecken erlebt, die kein Kind jemals sehen sollte, und ein Teil dieses Leids lässt sich nicht einfach ungeschehen machen. Kinder und Familien brauchen dauerhaften Frieden, ungehinderten Zugang zu humanitärer Hilfe und dringende Investitionen in den Wiederaufbau und grundlegende Dienstleistungen. Die Zukunft einer ganzen Generation hängt von den Entscheidungen ab, die heute getroffen werden – der Waffenstillstand muss eingehalten werden.» 

Die Gesundheitsversorgung ist stark dezimiert: Weniger als die Hälfte aller Gesundheitseinrichtungen ist auch nur teilweise funktionsfähig, und laut der Weltgesundheitsorganisation wurde seit dem Waffenstillstand keine einzige wieder voll funktionsfähig gemacht; bei fast allen Einrichtungen, die auf eine Sanierung warten, wird der Prozess durch einen Mangel an medizinischer Ausrüstung behindert9. Die Vereinten Nationen warnen davor, dass rund zwei Drittel der Bevölkerung im Gazastreifen bis Ende Jahr unter einer kritischen Ernährungsunsicherheit leiden werden und dass mehr als sieben von zehn Kindern unter zwei Jahren von Ernährungsunsicherheit betroffen sind10. Die Zahl der Einweisungen zur Behandlung von Unterernährung stieg in den ersten vier Monaten dieses Jahres im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Jahr 2025 um ein Fünftel.

Das Bildungssystem im Gazastreifen befindet sich in einer Krise. Rund neun von zehn Schulgebäuden müssen umfassend saniert oder komplett wieder aufgebaut werden, und die überwiegende Mehrheit der schulpflichtigen Kinder im Gazastreifen hat nach wie vor keinen Zugang zu kontinuierlichem, formalem Präsenzunterricht. Viele haben inzwischen drei Schuljahre in Folge verpasst11.

Mit dem nahenden Winter sehen sich vertriebene Familien zunehmend härteren Bedingungen gegenüber. Viele leben in provisorischen Zelten, Behelfsunterkünften oder beschädigten Gebäuden an Orten, an denen die sanitären Einrichtungen nicht mehr funktionieren. Bis Ende April dieses Jahres meldeten mehr als acht von zehn Notunterkünften und Vertriebenenlagern Fälle von Krätze, Läusen und anderen parasitären Hauterkrankungen12. Regen, Überschwemmungen und Kälte treffen unter diesen Umständen vor allem die Kinder, die bereits durch monatelange Unterernährung geschwächt sind. 

Plan International fordert weiterhin ein Ende der Angriffe auf Kinder, Zivilisten und humanitäre Helfer:innen sowie einen raschen und ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe. Der Gazastreifen benötigt nachhaltige und verlässliche langfristige Finanzmittel, um sowohl die Soforthilfe als auch den langfristigen Wiederaufbau zu unterstützen. Dazu gehören Investitionen in Bildung, Kinderschutz und psychologische Betreuung, um Familien dabei zu helfen, sich zu erholen und ihr Leben wieder aufzubauen. Wir fordern alle Parteien auf, das humanitäre Völkerrecht einzuhalten, Zivilisten und zivile Infrastruktur zu schützen und sicherzustellen, dass Kinder niemals ins Kreuzfeuer des Konflikts geraten.

 

Hinweis

Plan International reagiert seit drei Jahren auf diesen Konflikt und arbeitet dabei mit palästinensischen und ägyptischen Partnerorganisationen zusammen. Gemeinsam stellen wir lebenswichtige Hilfsgüter, provisorische Lernräume, vielseitig einsetzbare Bargeldhilfen, Kinderschutzmassnahmen sowie psychologische und psychosoziale Unterstützung für Kinder, Jugendliche, Eltern und Betreuungspersonen bereit.


1 Unabhängige internationale Untersuchungskommission der Vereinten Nationen für die besetzten palästinensischen Gebiete, einschliesslich Ostjerusalem, und Israel, A/HRC/56/26, 27. Mai 2024. https://www.un.org/unispal/document/coi-report-a-hrc-56-26-27may24/

2 https://www.ochaopt.org/content/reported-impact-snapshot-gaza-strip-23-september-2026

3  https://www.unrwa.org/resources/reports/unrwa-situation-report-230-humanitarian-crisis-gaza-strip-and-occupied-west-bank 

4 https://www.un.org/unispal/document/ohchr-press-release-17oct25/

5 OCHA, Bericht zur humanitären Lage, 18. September 2026, unter Berufung auf das Gesundheitsdepartement in Gaza. https://www.ochaopt.org/content/humanitarian-situation-report-18-september-2026 

6 UNICEF, «Berichten zufolge wurden in den letzten 300 Tagen mindestens 300 Kinder im Gazastreifen getötet», 6. August 2026 

7 Der Name wurde zum Schutz der Identität geändert

8 UNOSAT, Umfassende Schadensbewertung für den Gazastreifen, 2025; OCHA, Berichte zur humanitären Lage, 2026.

9 WHO, HeRAMS besetzte palästinensische Gebiete – Gazastreifen, Juni 2026.

10 IPC, Gazastreifen: Sonderbericht zu akuter Ernährungsunsicherheit und akuter Unterernährung, Juli 2026; OCHA, Gemeldete Auswirkungen | Gazastreifen, 24. Juni 2026

11 OCHA, Momentaufnahme der gemeldeten Auswirkungen | Gazastreifen, 2026

12 OCHA, Bericht zur humanitären Lage, April 2026.