12.01.2026 - von Plan International

Der Sudan nach 1000 Tagen Konflikt: Geschichten, die erzählt werden müssen

Von Nahid Ali, Kommunikationsmanagerin, Plan International Sudan   

Seit April 2023 haben viele Länder weltweit positive Veränderungen erlebt, darunter Fortschritte in der Entwicklung und beim Wiederaufbau sowie gemeinsame Anstrengungen zum Schutz unseres Planeten für künftige Generationen. Im Sudan hingegen könnte die Realität nicht unterschiedlicher sein. Die Sicherheits-, Gesundheits-, Umwelt- und Bildungssysteme verschlechtern sich aufgrund des anhaltenden Konflikts, der nun schon fast 1000 Tage andauert und es geht immer weiter bergab.

Als humanitäre Helfer:innen sind wir weiterhin Zeug:innen des Leids der Menschen in den belagerten Gebieten, wo wir nur äusserst eingeschränkten Zugang haben, um Hilfe zu leisten. Hilfskonvois werden häufig verzögert, behindert oder sogar angegriffen, während unbewaffnete und wehrlose Zivilist:innen zunehmend zwischen die Fronten geraten.

Den höchsten Preis für diesen Konflikt zahlen Frauen und Kinder. Die Körper von Frauen sind zu Kriegswaffen geworden, wodurch sie weit verbreiteter sexueller und körperlicher Gewalt ausgesetzt sind. Viele Kinder kommen allein in Unterkünften für Schutzsuchende an, nachdem sie während ihrer langen und gefährlichen Reise von ihren Familien getrennt wurden.

Während meiner letzten Mission in Al-Aafad im Northern State traf ich Frauen und Mädchen, die auf der Flucht aus El Fasher schwere sexuelle Gewalt erlebt und überlebt hatten. Sie berichteten, wie sie mit ansehen mussten, wie ihre Familien getötet und ihre Häuser durch Beschuss zerstört wurden und ihr Leben über Nacht zerbrach.

Eine Frau erzählte mir, wie sie ihre Kinder, die an Hunger gestorben waren, mit eigenen Händen im Hof ihres Hauses begraben hatte. Eine andere Frau, mit der ich sprach, weiss nicht, was aus ihrem vermissten Ehemann und ihrem Sohn geworden ist. Ein junges Mädchen erzählte mir, dass ihre Ausbildung mit Beginn des Konflikts unterbrochen wurde und dass sie ihr Sicherheitsgefühl verloren hatte, nachdem sie bei der Flucht aus El Fasher sexuell missbraucht worden war. Eine andere Frau musste mit ansehen, wie ihre Schwester bei einem Beschuss ums Leben kam und sieben Kinder zurückliess.

Dies sind keine Einzelfälle. Es ist die tägliche Realität für Millionen von Menschen im gesamten Sudan. Nach fast 1000 Tagen Konflikt darf die Welt die Menschen im Sudan nicht vergessen. Das Ausmass des Leids erfordert anhaltende internationale Aufmerksamkeit, Massnahmen und Rechenschaftspflicht.

Als sudanesische Mutter, die selbst vertrieben wurde und die Herausforderungen der Kindererziehung in einem Konflikt aus erster Hand erlebt hat, fordere ich die internationale Gemeinschaft, Regierungen, Geldgeber, Medien und die globale Zivilgesellschaft dringend auf, Massnahmen zu ergreifen. 

  • Halten Sie den Sudan auf der globalen politischen und humanitären Agenda.
  • Verstärken Sie die Stimmen sudanesischer Frauen, Mädchen und Gemeinschaften, deren Geschichten allzu oft ungehört bleiben.
  • Setzen Sie sich für den Schutz der Zivilbevölkerung, insbesondere von Frauen und Kindern, und für die Rechenschaftspflicht bei Verstössen gegen das humanitäre Völkerrecht ein.
  • Sorgen Sie für eine nachhaltige und flexible humanitäre Finanzierung, damit lebensrettende Hilfe auch diejenigen erreicht, die in schwer zugänglichen und belagerten Gebieten festsitzen.
  • Unterstützen Sie den Zugang und die Sicherheit von humanitären Helfer:innen, damit diese ohne Behinderungen oder Verzögerungen Hilfe zu den Bedürftigen bringen können.

Als humanitäre Helfer:innen tun wir nach fast 1000 Tagen Konflikt weiterhin alles in unserer Macht Stehende, um die Bedürftigen so schnell und sicher wie möglich zu erreichen. Die Bedürfnisse sind überwältigend, die Ressourcen begrenzt und die Finanzmittel weiterhin unzureichend. Aber unsere Entschlossenheit ist ungebrochen, denn Aufgeben ist keine Option.