Mit 15 begann Awil, jeden somalischen Schilling zu sparen, den er auftreiben konnte, um das Autofahren zu lernen. Mehr als 27 Jahre später befördert er immer noch humanitäre Helfer:innen und Hilfsgüter durch einige der unwegsamsten Gebiete Somalias. Awil weiss genau, was diese Strassen erfordern. Er fährt durch Sanddünen, Buschland und Gebiete ohne Mobilfunkempfang und bringt Menschen und Hilfsgüter weit über die Verteilzentren hinaus – und weit weg von der Aufmerksamkeit der Welt.
Oft ist er der Erste, der im Büro eintrifft, lange bevor die anderen kommen, und sich für eine Fahrt bereitmacht. Oft ist er der Letzte, der nach Hause geht. Es gibt selten ein dramatisches Foto von einem Chauffeur, der ein Leben rettet. Doch ohne Chauffeure wie Awil könnten Ärzt:innen ihre Patient:innen nicht erreichen, Ingenieur:inne keine Wasserstellen reparieren und Lebensmittel keine hungrigen Familien erreichen. Awil ist ein oft unsichtbares Glied in der humanitären Kette, aber eines, das unverzichtbar ist, damit sie in Gang bleibt.
Humanitäre Arbeit wird oft von ganz normalen Menschen geleistet, die Tag für Tag Aussergewöhnliches vollbringen, ohne dafür Beifall zu erhalten.
Lorena Salcedo aus Venezuela erinnert uns einmal mehr daran, dass humanitäre Helfer:innen nicht aus Stahl sind. Lorena arbeitet als Schutzbeauftragte bei CESVI, einer humanitären Organisation, die sich für die Würde schutzbedürftiger Menschen einsetzt. Als Schutzbeauftragte setzt sie sich dafür ein, dass Gesetze und Justizsysteme für Geflüchtete, Migrant:innen, Kinder und andere schutzbedürftige Menschen zugänglich sind.
Als im Juni dieses Jahres zwei schwere Erdbeben Venezuela erschütterten, erlebte Lorena den Schrecken am eigenen Leib. In Caracas sah sie, wie Gebäude wankten und einstürzten. Ihr erster Gedanke war einfach und menschlich: «Ich werde sterben.» Sie überlebte.
Doch als der unmittelbare Schrecken vorüber war, galten ihre Gedanken den Kindern und anderen, die vielleicht Hilfe brauchten. Dieser Instinkt – an andere zu denken, während man noch mit der eigenen Angst ringt – ist das Herzstück der humanitären Hilfe.
Angriffe auf humanitäre Helfer:innen sind keine bedauerliche Folge des Krieges. Sie stellen Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht dar und können in vielen Fällen Kriegs -Verbrechen darstellen. Freiwillige, Feuerwehrleute, Pflegefachpersonen, Ärzt:innen, Lehrer:innen und Hilfsarbeiter:innen dürfen niemals ins Visier genommen, entführt, erschiesst oder bombardiert werden, nur weil sie anderen helfen.
Die Last lastet besonders schwer auf den lokalen humanitären Helfer:innen, die die überwiegende Mehrheit der Getöteten ausmachen. Dennoch finden ihre Todesfälle oft weit weniger Beachtung als jene ihrer internationalen Kolleg:innen. Diese Ungleichheit sollte uns alle beunruhigen. Jeder getötete humanitäre Helfer:in ist mehr als nur eine Zahl. Jemand wartet darauf, dass er nach Hause kommt. Jemand kennt sein Lachen, erinnert sich an seine Freundlichkeit und trauert um ihn.
Deshalb ist der Welttag der humanitären Hilfe so wichtig. Er fordert uns auf, die Menschen hinter den Zahlen zu sehen und diejenigen zu schützen, die andere schützen. #ActForHumanity muss mehr sein als nur ein Slogan. Es muss bedeuten, Zivilist:innen zu schützen, den humanitären Zugang zu verteidigen und sicherzustellen, dass lokale Freiwillige ihre Arbeit sicher verrichten können. Die Welt leidet. Doch solange Menschen bereit sind, mit Mitgefühl in die Dunkelheit zu gehen, ist die Menschlichkeit nicht verschwunden.
Der Schutz der humanitären Helfer:innen ist ein entscheidender Schritt zum Schutz der Menschlichkeit.