19.08.2026 - von Dr. Unni Krishnan

Der Mut, sich um andere zu kümmern, wenn die Welt wegschaut

Ein Blogbeitrag von Dr. Unni Krishnan, Global Humanitarian Director bei Plan International.

Der 19. August ist der Welttag der humanitären Hilfe: ein Tag der Hoffnung, aber auch der Trauer.

Es ist ein Tag, an dem wir jene ehren, die sich an die dunkelsten Orte der Welt begeben – mit kaum mehr als Mut, Mitgefühl und dem unerschütterlichen Glauben, dass jedes Leben zählt. Es ist auch ein Tag, an dem wir derer gedenken, die nie nach Hause zurückgekehrt sind.

Im Jahr 2025 wurden in 21 Ländern mindestens 326 humanitäre Helfer bei der Ausübung ihrer Arbeit getötet: Freiwillige, die in Kriegsgebieten Gemeinschaftsküchen betrieben; Sanitäter:innen, Pflegefachpersonen und Ärzt:innen, die kranke und verwundete Kinder behandelten; Lehrer:innen, die sichere Räume schufen; Schutzhelfer:innen, die Mädchen vor Kriegsgewalt schützten; Ingenieur:innen, die Wasserversorgungssysteme reparierten, und unzählige andere, deren Namen selten in die Schlagzeilen gelangen. Die WHO hat im Jahr 2026 weltweit mehr als 900 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen bestätigt – das sind mehr als vier Angriffe pro Tag. 


Dr. Unni Krishnan, Global Humanitarian Director bei Plan International. Foto: Plan International

Der Welttag der humanitären Hilfe entstand aus einer Tragödie heraus. Am 19. August 2003 kamen bei einem Bombenanschlag auf das UNO-Hauptquartier in Bagdad 22 Hilfsarbeiter:innen ums Leben, darunter mein Mentor, der UNO-Humanitärbeauftragte Sergio Vieira de Mello. Ihr Tod machte die Risiken deutlich, denen sich diejenigen aussetzen, die sich inmitten von Krieg und Leid für die Menschheit einsetzen. Im Jahr 2008 rief die UNO-Generalversammlung den Welttag der humanitären Hilfe ins Leben, um ihr Opfer zu würdigen und zum Schutz von Zivilist:innen und humanitären Helfer:innen aufzurufen.

Heute ist dieser Aufruf dringender denn je. Kriege werden immer brutaler. Der Zugang zu Hilfsgütern wird blockiert, Hunger, Vertreibung und sexuelle Gewalt werden als Waffen eingesetzt, und Drohnen verändern die Art der Kriegsführung. Allzu oft werden die Grundregeln des humanitären Völkerrechts, die zum Schutz der Zivilbevölkerung gedacht sind, eklatant missachtet.

Dennoch sind humanitäre Helfer:innen weiterhin vor Ort, bringen Nahrung, Wasser und Würde, versorgen Verwundete oder sitzen einfach nur neben einem verängstigten Kind.

Katastrophen und Kriege schaffen nicht unbedingt Held:innen. Sie offenbaren sie: die Menschen, die die Ärmel hochkrempeln, wenn die Erde bebt, Regen ausbleibt und die Ernte ausfällt, Raketen einschlagen und die Welt ihre Aufmerksamkeit anderweitig richtet.

Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Es bedeutet, trotz Angst weiterzumachen. Manchmal ist die mutigste Entscheidung, die ein:e humanitäre:r Helfer:in treffen kann, einfach, trotz der Risiken weiterzukommen – vor allem dann, wenn die Herausforderungen überwältigend erscheinen.

Heba, eine junge humanitäre Helferin in Gaza, kennt den Preis des Konflikts. Da sie selbst in jungen Jahren durch den Krieg zur Waise wurde, versteht sie, was es bedeutet, mit Verlust, Angst und dem Bedürfnis nach jemandem aufzuwachsen, der die eigenen Gefühle versteht und einem zur Seite steht. Sie ist ausgebildete Spezialistin für psychische Gesundheit und psychosoziale Betreuung, und ihre Arbeit basiert auf ihren eigenen Lebenserfahrungen. Heute arbeitet sie bei Juzoor, einer humanitären und Gesundheitsorganisation und leistet psychologische Erste Hilfe für Kinder und Familien in Gaza, die von Kriegen betroffen sind. Durch Kunsttherapie, Spiele, Theater und andere Aktivitäten hilft sie Kindern, Angst, Unruhe und Trauer auszudrücken – Erfahrungen, die sich oft nicht in Worte fassen lassen. «Wenn ich mit kriegsbetroffenen Kindern arbeite … sehe ich einen Teil meiner eigenen Geschichte in ihnen», erzählt mir Heba.

Manchmal sitzen humanitäre Helfer:innen am Steuer: Menschen, die man vielleicht nie zu Gesicht bekommt.

Lerne meinen Kolleg:innen bei Plan International Somalia kennen: Awil Abdilahi Ali. Awils Weg zum humanitären Helfer begann an einem ungewöhnlichen Ort: in einer Autogarage in Somalia. Als Schulabbrecher auf dem Höhepunkt des Krieges beobachtete der junge Awil, wie Hilfsfahrzeuge in verschiedenen Farben, mit unterschiedlichen Logos und Namen ankamen. Ihm fiel auf, dass sie eines gemeinsam hatten: Die Menschen darin versuchten, das Leben der vom Konflikt betroffenen Menschen sicherer und besser zu machen.

Awil befördert humanitäre Helfer:innen und Hilfsgüter durch einige der unwegsamsten Gebiete Somalias. Foto: Plan International

Mit 15 begann Awil, jeden somalischen Schilling zu sparen, den er auftreiben konnte, um das Autofahren zu lernen. Mehr als 27 Jahre später befördert er immer noch humanitäre Helfer:innen und Hilfsgüter durch einige der unwegsamsten Gebiete Somalias. Awil weiss genau, was diese Strassen erfordern. Er fährt durch Sanddünen, Buschland und Gebiete ohne Mobilfunkempfang und bringt Menschen und Hilfsgüter weit über die Verteilzentren hinaus – und weit weg von der Aufmerksamkeit der Welt. 

Oft ist er der Erste, der im Büro eintrifft, lange bevor die anderen kommen, und sich für eine Fahrt bereitmacht. Oft ist er der Letzte, der nach Hause geht. Es gibt selten ein dramatisches Foto von einem Chauffeur, der ein Leben rettet. Doch ohne Chauffeure wie Awil könnten Ärzt:innen ihre Patient:innen nicht erreichen, Ingenieur:inne keine Wasserstellen reparieren und Lebensmittel keine hungrigen Familien erreichen. Awil ist ein oft unsichtbares Glied in der humanitären Kette, aber eines, das unverzichtbar ist, damit sie in Gang bleibt.

Humanitäre Arbeit wird oft von ganz normalen Menschen geleistet, die Tag für Tag Aussergewöhnliches vollbringen, ohne dafür Beifall zu erhalten.

Lorena Salcedo aus Venezuela erinnert uns einmal mehr daran, dass humanitäre Helfer:innen nicht aus Stahl sind. Lorena arbeitet als Schutzbeauftragte bei CESVI, einer humanitären Organisation, die sich für die Würde schutzbedürftiger Menschen einsetzt. Als Schutzbeauftragte setzt sie sich dafür ein, dass Gesetze und Justizsysteme für Geflüchtete, Migrant:innen, Kinder und andere schutzbedürftige Menschen zugänglich sind.

Als im Juni dieses Jahres zwei schwere Erdbeben Venezuela erschütterten, erlebte Lorena den Schrecken am eigenen Leib. In Caracas sah sie, wie Gebäude wankten und einstürzten. Ihr erster Gedanke war einfach und menschlich: «Ich werde sterben.» Sie überlebte.

Doch als der unmittelbare Schrecken vorüber war, galten ihre Gedanken den Kindern und anderen, die vielleicht Hilfe brauchten. Dieser Instinkt – an andere zu denken, während man noch mit der eigenen Angst ringt – ist das Herzstück der humanitären Hilfe.

Angriffe auf humanitäre Helfer:innen sind keine bedauerliche Folge des Krieges. Sie stellen Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht dar und können in vielen Fällen Kriegs -Verbrechen darstellen. Freiwillige, Feuerwehrleute, Pflegefachpersonen, Ärzt:innen, Lehrer:innen und Hilfsarbeiter:innen dürfen niemals ins Visier genommen, entführt, erschiesst oder bombardiert werden, nur weil sie anderen helfen.

Die Last lastet besonders schwer auf den lokalen humanitären Helfer:innen, die die überwiegende Mehrheit der Getöteten ausmachen. Dennoch finden ihre Todesfälle oft weit weniger Beachtung als jene ihrer internationalen Kolleg:innen. Diese Ungleichheit sollte uns alle beunruhigen. Jeder getötete humanitäre Helfer:in ist mehr als nur eine Zahl. Jemand wartet darauf, dass er nach Hause kommt. Jemand kennt sein Lachen, erinnert sich an seine Freundlichkeit und trauert um ihn.

Deshalb ist der Welttag der humanitären Hilfe so wichtig. Er fordert uns auf, die Menschen hinter den Zahlen zu sehen und diejenigen zu schützen, die andere schützen. #ActForHumanity muss mehr sein als nur ein Slogan. Es muss bedeuten, Zivilist:innen zu schützen, den humanitären Zugang zu verteidigen und sicherzustellen, dass lokale Freiwillige ihre Arbeit sicher verrichten können. Die Welt leidet. Doch solange Menschen bereit sind, mit Mitgefühl in die Dunkelheit zu gehen, ist die Menschlichkeit nicht verschwunden.

Der Schutz der humanitären Helfer:innen ist ein entscheidender Schritt zum Schutz der Menschlichkeit.