7-jährige Ámbar erzählt von ihrem Leben nach dem Erdbeben. Foto: Plan International
27.07.2026 - von Plan International

Ámbar: Trost in der Familie nach den Erdbeben in Venezuela

Die siebenjährige Ámbar hat gelernt, dass sich das Leben innerhalb eines Augenblicks ändern kann. Einen Monat nach den verheerenden Erdbeben, die den Norden Venezuelas erschütterten, mehr als 5300 Menschen das Leben kosteten und Tausende von Familien vertrieben, lebt sie nun zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Grossmutter, ihren Tanten und ihrer Cousine in einem Lager für Vertriebene. 

Mehr als 23 000 Menschen befinden sich landesweit weiterhin in Notunterkünften, während viele andere in provisorischen Lagern und öffentlichen Räumen in der Nähe ihrer beschädigten Häuser untergekommen sind. Ámbars eigenes Zuhause ist nicht mehr sicher genug, um dort zu schlafen. Sie hat die Zerstörung um sich herum miterlebt und versteht mehr, als man von einem Kind in ihrem Alter erwarten würde. «So viele Gebäude sind eingestürzt und so viele Menschen sind gestorben», sagt sie.

Zu den Eindrücken, die sich tief in ihr eingeprägt haben, gehören die Familien, die mit nichts als den Kleidern, die sie am Leib trugen, ankamen. «Es kamen viele Menschen, kleine Mädchen barfuss und mit Kratzern an den Beinen, weil sie in ihrem Haus alles verloren hatten.» Wie viele andere floh auch Ámbars Familie nach den Erdbeben aus ihrem Zuhause und suchte Zuflucht in einem Lager. Zwar haben sie bei Verwandten Sicherheit gefunden, doch die Erfahrung hat bei ihr ein Gefühl der Unruhe hinterlassen. «Zuerst hatte ich das Gefühl, dass etwas Schlimmes passieren würde», erinnert sie sich.


Die 7-jährige Ámbar neben dem Zelt, das sie sich mit ihrer Familie in La Guaira teilt. Foto: Plan International

Nachts, wenn die Angst schwerer zu ignorieren ist, greift sie auf den Rat ihrer Mutter zurück. «Meine Mama hat mir gesagt, ich solle vor dem Schlafengehen immer beten, und das tue ich auch.» Trotzdem fällt ihr das Einschlafen nicht immer leicht. Die Unsicherheit des vergangenen Monats hängt immer noch in der Luft. «Wir sind hierhergekommen, damit wir nicht allein sind. Hier sind wir bei der Familie, wir sind alle zusammen», sagt sie. Dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit ist zu einer der grössten Kraftquellen der Familie geworden. Dennoch ist der Alltag im Lager alles andere als angenehm. Die tropische Hitze kann den Aufenthalt im Zelt stundenlang fast unerträglich machen. «Im Zelt zu schlafen ist so heiss, wirklich, wirklich heiss», sagt Ámbar.

Das Essen ist ein weiteres ständiges Problem. Jeder Tag beginnt mit dem Warten auf die Ankunft der Lieferungen. «Sobald ich aufwache, bekomme ich etwas zu essen, weil die Lastwagen kommen. Ich hole mir das Essen und behalte es.» Auf die Frage, was die Familien am dringendsten brauchen, ist ihre Antwort sofort und direkt. «Bringt Essen. Das ist es, was wir im Moment nicht haben.»

In den betroffenen Gebieten haben viele vertriebene Familien weiterhin Schwierigkeiten, Zugang zu sauberem Wasser, Lebensmitteln und anderen lebensnotwendigen Gütern zu erhalten. Zwar haben humanitäre Organisationen bereits seit den ersten Tagen der Krise Hilfe geleistet, doch der Weg zur Erholung ist noch lang, insbesondere für Kinder, deren Leben durch die Katastrophe aus den Fugen geraten ist. 

Kinder sind verschiedenen Risken ausgesetzt

Für Kinder, die in Notunterkünften leben, gehen die Herausforderungen über den unmittelbaren Verlust ihrer Heimat hinaus. Überfüllte Wohnverhältnisse, geschwächte Schutzsysteme und eine anhaltende Vertreibung können die Risiken für Kinder und Jugendliche, insbesondere für Mädchen, erhöhen. Während sich die Gemeinden auf den Wiederaufbau konzentrieren, wird es in den kommenden Monaten entscheidend sein, sicherzustellen, dass Kinder weiterhin geschützt, unterstützt und in das Bildungssystem eingebunden bleiben. 

In dem Lager, in dem Ámbar untergebracht ist, gibt es einen speziell für Kinder eingerichteten Bereich. Mit Unterstützung von Plan International und Partnerorganisationen bietet dieser strukturierte Aktivitäten und Zugang zu einem Kinderpsychologen, der den jungen Menschen hilft, das Erlebte zu verarbeiten. Im Rahmen der laufenden Erdbebenhilfe leistet Plan International weiterhin psychosoziale Unterstützung, bietet Kinderschutzdienste, Bildungsmassnahmen in Notsituationen und lebenswichtige Hilfsgüter für betroffene Familien in ganz Venezuela an. 

Für Ámbar lässt sich die Genesung jedoch in einfacheren Begriffen messen: mit der Familie zusammen sein, Momente des Trosts inmitten der Unsicherheit finden und darauf hoffen, jeden Tag genug zu essen zu haben. Einen Monat nach den Erdbeben helfen ihr diese kleinen Gewissheiten, einer Zukunft entgegenzusehen, die sich zwar immer noch fragil anfühlt, aber nicht mehr ganz so einsam ist.