Nachts, wenn die Angst schwerer zu ignorieren ist, greift sie auf den Rat ihrer Mutter zurück. «Meine Mama hat mir gesagt, ich solle vor dem Schlafengehen immer beten, und das tue ich auch.» Trotzdem fällt ihr das Einschlafen nicht immer leicht. Die Unsicherheit des vergangenen Monats hängt immer noch in der Luft. «Wir sind hierhergekommen, damit wir nicht allein sind. Hier sind wir bei der Familie, wir sind alle zusammen», sagt sie. Dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit ist zu einer der grössten Kraftquellen der Familie geworden. Dennoch ist der Alltag im Lager alles andere als angenehm. Die tropische Hitze kann den Aufenthalt im Zelt stundenlang fast unerträglich machen. «Im Zelt zu schlafen ist so heiss, wirklich, wirklich heiss», sagt Ámbar.
Das Essen ist ein weiteres ständiges Problem. Jeder Tag beginnt mit dem Warten auf die Ankunft der Lieferungen. «Sobald ich aufwache, bekomme ich etwas zu essen, weil die Lastwagen kommen. Ich hole mir das Essen und behalte es.» Auf die Frage, was die Familien am dringendsten brauchen, ist ihre Antwort sofort und direkt. «Bringt Essen. Das ist es, was wir im Moment nicht haben.»
In den betroffenen Gebieten haben viele vertriebene Familien weiterhin Schwierigkeiten, Zugang zu sauberem Wasser, Lebensmitteln und anderen lebensnotwendigen Gütern zu erhalten. Zwar haben humanitäre Organisationen bereits seit den ersten Tagen der Krise Hilfe geleistet, doch der Weg zur Erholung ist noch lang, insbesondere für Kinder, deren Leben durch die Katastrophe aus den Fugen geraten ist.
Kinder sind verschiedenen Risken ausgesetzt
Für Kinder, die in Notunterkünften leben, gehen die Herausforderungen über den unmittelbaren Verlust ihrer Heimat hinaus. Überfüllte Wohnverhältnisse, geschwächte Schutzsysteme und eine anhaltende Vertreibung können die Risiken für Kinder und Jugendliche, insbesondere für Mädchen, erhöhen. Während sich die Gemeinden auf den Wiederaufbau konzentrieren, wird es in den kommenden Monaten entscheidend sein, sicherzustellen, dass Kinder weiterhin geschützt, unterstützt und in das Bildungssystem eingebunden bleiben.
In dem Lager, in dem Ámbar untergebracht ist, gibt es einen speziell für Kinder eingerichteten Bereich. Mit Unterstützung von Plan International und Partnerorganisationen bietet dieser strukturierte Aktivitäten und Zugang zu einem Kinderpsychologen, der den jungen Menschen hilft, das Erlebte zu verarbeiten. Im Rahmen der laufenden Erdbebenhilfe leistet Plan International weiterhin psychosoziale Unterstützung, bietet Kinderschutzdienste, Bildungsmassnahmen in Notsituationen und lebenswichtige Hilfsgüter für betroffene Familien in ganz Venezuela an.
Für Ámbar lässt sich die Genesung jedoch in einfacheren Begriffen messen: mit der Familie zusammen sein, Momente des Trosts inmitten der Unsicherheit finden und darauf hoffen, jeden Tag genug zu essen zu haben. Einen Monat nach den Erdbeben helfen ihr diese kleinen Gewissheiten, einer Zukunft entgegenzusehen, die sich zwar immer noch fragil anfühlt, aber nicht mehr ganz so einsam ist.